DOKUMENTE AUS BABEL

2. INFORM. INTERRUPT.

Bei Anruf Mord Detektiv Joe Deebs Abenteuer in Australien Die Tragödie einer schönen Frau Die Ehe von Luise Tränenreiches, pompöses Melodram im bürgerlichen Salon. Ach, das waren Zeiten, 1912, als ein zusammengezimmertes Kinostudio in einem Dachgeschoss der Blücherstraße improvisiert wurde. Der stattliche Protagonist legt eine besitzergreifende Hand auf die Hüften des Stars, als Angetraute in Schwarz gehüllt, doch sie spannt demonstrativ die Muskeln an, versucht, den Körper des beschlipsten Gatten fortzuschieben, stemmt sich gegen seinen Arm und Kopf. Die Szene ist beinahe zu Ende, da fühlt sie sich beobachtet, ja, junge Frau, da sind wir, von wegen privates Gezänk, alles kommt irgendwann heraus, vor allem eine so heftige und klassische Beziehung wie eure. Sie schaut uns aus dem Monitor in kriegerischer Pose an, als wollte sie sagen: „Ruhe jetzt, unterbrecht mich nicht. Er soll doch nicht merken, dass ich spiele.“ Na gut, ich lasse sie die Szene zu Ende bringen.

Geistesabwesend warte ich auf die S-Bahn. Es bleibt mir nur wenig Zeit, meine Lustlosigkeit zu überwinden, denn ich muss in einer Stunde zu einer Versammlung am Prenzlauer Berg. Ich hole meinen leeren Körper aus dem Studio, tonlos, flach wie das Faxpapier, das träge über den Fußboden kriecht. Welche Stimmen klingen in den Köpfen, die nach dem Zug schauen und sich dann wieder in die Sommermäntel ducken,
dum dum dum
                     dum.
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Selbstverständlich scheint es noch immer ein Zufall zu sein, wen eine Kugel trifft: doch die Häufigkeit gab Gelegenheit zu genaueren Untersuchungen wie der von Professor Whitney an der Universität A. von Texas. Eine Gruppe nordamerikanischer Wissenschaftler behauptet, dass für den Urmenschen der Tod anderer eine gewisse Befriedigung auslöste. Die Vernichtung von etwas Verhasstem ist historisch gesehen so natürlich, dass unsere Vorfahren im Moment der Auslöschung des Feindes keinerlei Bedenken hegten. Das Phänomen der Schuld, der Gewissensbisse, stellte sich nur a posteriori ein, in den meisten Fällen als Ergebnis (...) Vor dem Hintergrund, dass in der Menschheitsgeschichte der gewaltsame Tod überwiegt, betrachtet Professor Whitney es als natürliches Phänomen, dass während der Übertragung der Hinrichtung von zum Tode Verurteilten hohe Zuschauerquoten erreicht werden.
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ANYTHING HAPPENS

Die Organisation konservativer texanischer Frauen fordert, keine Ausnahmeregelungen für Kriminelle weiblichen Geschlechts gelten zu lassen.

Eine angemessene Lautstärke verhindert, dass die anderen Reisenden gestört werden
tumtum tum tum tumtum to me.

Es fällt schwer, am Freitag Nachmittag etwas zu erwarten. Es ist nicht wie bei einer Rechenaufgabe, für die es sicherlich eine Lösung gibt, auch wenn sie kurzfristig nur Neuronengewitter im Gehirn bewirkt. Ich taumle ziel- und körperlos durch die bewohnte Stadt. Drei Millionen Bleichgesichter verständigen sieh untereinander anfallsweise mit Hilfe verschiedener Kabelverbindungen, Wellen und Öffnungen. Am Alexanderplatz steige ich um. Der Waggon stinkt nach Bier, Zigaretten und der Pisse Pubertierender, die andere Fahrgäste provozieren wollen. Das Aussehen der Reisenden reicht von mittelmäßig schlampig bis natürlich missgestaltet. Selbstverständlich gibt es auch Facharbeiter, Intellektuelle, Kaufleute, Jugendliche, Hunde und Zeitungsverkäufer. Oder Polizisten, die bewusstlose Penner von der Treppe tragen, um uns den Weg freizumachen, uns, die wir ein Jackett und Schuhe für hundert Mark tragen, Steuern zahlen und... ach was, wozu das alles aufzählen. Es wird noch ganz schön turbulent in diesem Land, wenn das so weitergeht, jeder weiß das, aber psssst. Man darf ja nichts sagen.
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Der homo germanicus lebt in Behausungen, die durch eine Umzäunung geschützt sind. Gegen Abend trifft er sich mit seinen Mitmenschen, um einer der raren Beschäftigungen des Müßiggangs nachzugehen, die man von ihm kennt: Dem Verzehr einer Flüssigkeit, die in ihrer Farbe dem Urin ähnelt, getrunken aus großen Gefäßen aus festem Glas. Dem Reisenden drängt sich die Frage auf, ob das komplizierte Recyclingsystem, das vor einigen Jahren in Deutschland eingeführt wurde, für den Geschmack der mediterranen Völker nicht zu unvorstellbaren Auswüchsen geführt hat.
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Lovely here, Kastanienallee, Fahrräder holpern langsam neben der gewundenen Straßenbahn her, sie überqueren die zwischen unregelmäßigen Pflastersteinen eingebetteten Gleise, was Hintern und Sattel zuckend aufeinanderprallen lässt. Man redet vom Wild East, seit in den unscheinbaren Ecken der Ex-DDR eine Version von Thelma und Louise gedreht wurde. Ein Genre entsteht gerade, das davon träumt, die altmodischen Western zu ersetzen: arbeitslose Mörder, gewendete Kommunisten, Verfolgungsjagden in Rostlauben made in Czechoslovakia, ehemalige Verkäuferinnen von Mitropaläden, verwandelt in Bräute russischer Mafiosi, go east, wenn du das Abenteuer suchst. Das Chicago von heute liegt in Sankt Petersburg.

Schon gut. Ich leugne nicht, dass die Extravaganz unterhaltsam ist, das Fehlen von einheitlichen Moden, doch ansonsten sind wir eine Bande kultivierter Lämmer. Dem Osten fehlt Action, Spannung, seine ganze Wildheit besteht aus architektonischem Durcheinander und Staub. Wir haben uns in einer Tex-Mex-Kneipe mit deutscher Bedienung verabredet. Ich gehe ganz langsam auf die Tür zu. Der Produzent, lichtes Haar, Krawatte und Bauch (so sieht er aus, da gibt es nichts zu beschönigen), präsidiert am Tisch. Er raucht Camel ohne Filter (ekelhaftes Zeug). Detlef, der Drehbuchberater, ist äußerlich ein „blonder Traum“. Ich glaube, dass er uns Frauen von unserem faktischen Nichtvorhandensein überzeugen möchte: Er schaut dich niemals an, wenn du redest, er antwortet nur wie aus Versehen, wenn du ihn etwas fragst, jeder Vorschlag, den du machst, gilt im Moment der Entscheidung als unangebracht. Er raucht Benson & Hedges, bestimmt wegen der goldenen Schachtel. Marina, eine stolze Römerin, die als Cutterin arbeitet, verspürt eine extreme Neugier für diesen hohlen Dressman und scheint nicht zu merken, dass sich das fragliche Individuum jedes mal wie ein Igel zusammenzieht, wenn sie ihr Dekollete nur halbwegs in seine Nähe bringt. Sie raucht fast alles. Patrick, der einzige erträgliche Sadist der Crew, kommt immer zu spät.

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